Odile Caradec

wurde am 15.Februar 1925 als viertes von sieben Kindern in Brest geboren. Ihr Vater war als "Courtier maritime" des Brester Hafens für sämtliche Belange der aus aller Welt einlaufenden Schiffe zuständig und sprach mehrere Sprachen. Ihre Mutter spielte als Amateurcellistin im Orchester von Brest. Odile und ihre Geschwister hatten ein Kindermädchen aus Österreich, von dem sie die deutsche Sprache lernten. Mit sieben Jahren begann Odile Gedichte zu schreiben, auf Blättern, die sie unter ihrer Matratze versteckte.
Ihr erstes wirkliches Gedicht aber sei „Le Magnifique“, so sagt sie (deutsch/französisch veröffentlicht in Von oben bis unten, Thomas Reche, Passau 1997).

Der Krieg bereitete dieser friedlichen Existenz ein Ende. Da Brest seit 1939 bombardiert wurde, mussten die Kinder evakuiert werden, und Odile fand sich als Internatsschülerin in einer sehr strengen, von Nonnen geführten katholischen Klosterschule in Quimper wieder. Sie lebte und lernte dort vier Jahre und legte an dieser Schule das Abitur ab.

Das Haus in Brest wurde im Krieg völlig zerstört und die Familie flüchtete nach Camaret, einem kleinen Ort mit einem Fischereihafen.

In den Jahren 1944/45 hielt sich Odile in Paris auf, um ihre "Licence d'allemand" (Universitätsabschluss in deutscher Sprache und Literatur) vorzubereiten. Anschließend ging sie nach Deutschland, zunächst nach Baden-Baden, dann nach Freiburg und schließlich nach Offenburg. In Freiburg und Offenburg unterrichtete sie als Volkhochschuldozentin französische Sprache. Sie heiratete einen Lehrerkollegen. Zwei Töchter gingen hervor aus dieser Verbindung, die nur zehn Jahre dauern sollte.

1950 ging sie mit Mann und Kindern nach Frankreich zurück. Nach einem kurzen Aufenthalt bei ihren Schwiegereltern in Rochefort-sur-Mer ließ sich die Familie in der Universitätsstadt Poitiers nieder. Odile erlangte an der dortigen Universität ihre "Licence d'allemand" und hatte damit die Voraussetzung, eine Stelle als Dokumentalistin und Deutschlehrerin am Lycée Camille Guérin in Poitiers anzutreten. In der Mitte ihrer Dreißigerjahre gewann sie einen Lebensgefährten (von Beruf Geschichtslehrer und rumänisch-jüdischer Abstammung), dem sie bis zu seinem Tod 1989 in treuer Liebe verbunden war. - Nach vielen Berufsjahren endete ihre Tätigkeit am Gymnasium im Jahr 1984.

Von allen mit dem Lehrberuf verbundenen Verpflichtungen befreit, konnte sie sich endlich der Lyrik und Kammermusik widmen: Sie ergriff ihr Cello und wirkte in verschiedenen Ensembles mit. Was die Lyrik betraf, so wurde diese für sie zu einer wahren, echten Arbeit. Etwa ein Dutzend Gedichtbände sind seit 1984 entstanden. Sie verfasste außerdem etliche Artikel für in Frankreich in großer Zahl erscheinende Lyrikzeitschriften über Dichter und Dichterinnen, die sie schätzt ( zum Beispiel für die Brüsseler Zeitschrift "Le journal des poètes“ sowie  in „L’arbre à paroles“ und „Poésie premiere“ Aufsätze über Georges Bonnet, Jean-Claude Martin, Béatrice Douvre, die Schwedin Ingela Strandberg ...). Außerdem unterhielt sie einen regen Briefwechsel mit befreundeten Poeten.

Bedingt durch ihr Alter nehmen ihre Aktivitäten nun ab. Odile versucht, einen klaren Geist zu bewahren und erlebt manchmal die Freude, einem Gedicht zu begegnen. Eines der größten Geschenke ihres Lebens sei die Arbeit mit dem mutigen deutschen Verleger und Übersetzer Rüdiger Fischer gewesen, sagt sie. Dessen zum Teil noch unerschlossenes Lebenswerk aus Übersetzungen ist eine starke Brücke zwischen der französischen und der deutschen modernen Poesie. Durch seinen Einsatz und seine kongenialen Übertragungen konnten ihre Gedichte einen wachsenden Leserkreis in Deutschland gewinnen.

Eine weitere große Freude: Seit den Siebzigerjahren ist Claudine Goux ihre künstlerische Weggefährtin, eine begabte Malerin, die etwa fünfzehn ihrer Bände mit wachem und warmherzigem Humor illustriert hat.

 

Von Odile Caradec sind etwa zwanzig Gedichtbände erschienen, fünf davon zweisprachig (deutsch von Rüdiger Fischer) in Deutschland. Für den 1999 bei "Dé bleu" erschienenen Band "Citron rouge" erhielt sie den Charles-Vildrac-Preis der SGDL ( Société des gens de lettres).

 

Odile Caradec /Christiane Gerber-Freund, Übersetzung ins Deutsche Anke Behrendt, August 2011